Magendrehung: Von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt

Ich schreibe diese Zeilen, während Eléva noch in der Klinik liegt.
Nachmittags hatten wir noch einen wunderschönen Tag mit Eléva. 5 Stunden später bin ich im Schlafanzug zur nächsten Tierklinik gefahren. Eineinviertel Stunden durchs Höllental, das seinem Namen alle Ehre machte. Serpentinen, meist 30 km/h. Und an den Stellen, an denen ich hätte schneller fahren können, bremsten mich alle Nase lang Blitzer aus. Ich habe Eléva mein gesamtes Repertoire an Schlagern vorgesungen, damit sie meine Stimme hört. Als mir die Texte ausgingen, habe ich sie erfunden, mit dem, was ich gerade vor mir sah. “Noch 3,7 km bis zum Kreisverkehr in die Sowiesostraße”, “Die Fußgängerampel ist grün”, “Da drüben ist ein Teeladen”… Mein Singen hat sie beruhigt, und vielleicht auch ein wenig mich. Es war das Einzige, was wir in dieser Stunde hatten.
Als ich bei der KZG das erste Mal von Magendrehungen hörte, hoffte ich, dass es mich nie treffen würde. Klar wünscht man das seinem Tier nicht. Aber meine eigentliche Angst war eine andere: dass ich es nicht erkennen würde. Die Symptome sind am Anfang so unspezifisch, Unruhe, vielleicht Erbrechen, dass ich befürchtete, ohne eigene Erfahrung einfach nicht zu kapieren, was da gerade passiert. Dass ich beide Male so schnell reagieren konnte, verdanke ich der Sensibilisierung aus Eurasiermagazin und Mitgliederversammlungen, wo die Magendrehung immer wieder ein Thema ist. Ich hatte gehofft, der Kelch ginge an mir vorüber. Jetzt hat es uns zum zweiten Mal getroffen. Und ich habe einige Hundebesitzer kennengelernt, die nicht einmal wissen, dass es das gibt. Genau darum schreibe ich diesen Artikel.
Was passiert bei einer Magendrehung eigentlich?
Der Magen bei Hunden hängt normalerweise halbwegs lose im Bauchraum, gehalten vom Magenband zwischen Leber und Magen. Dehnt sich dieses Band, bekommt der Magen Spielraum zum Schlenkern. Was ihn dann tatsächlich zum Drehen bringt, ist bis heute nicht vollständig geklärt, da sind sich auch die Experten nicht einig. Fakt ist: Der Magen kann sich um sich selbst drehen, so dass Speiseröhre und Darmausgang verschlossen sind und keine Gase mehr entweichen können. Er bläht sich auf wie ein Luftballon. Blutgefäße werden abgeschnürt. Magen, Milz, umliegendes Gewebe sterben ab. Ich habe bei mir selbst oft die Einstellung: kam von allein, geht von allein. Der Magen dreht sich nicht von selbst zurück. Das geht nur mit einer OP. Und zwar hurtig. Ohne Behandlung verrecken diese Tiere elendig.
Worauf du achten musst: Der Hund hat wahnsinnige Schmerzen, die mit zunehmender Aufgasung immer schlimmer werden, dazu Panik. Er findet keine Ruheposition, eine Unruhe, die du nicht einordnen kannst. Kopf hängt tief, Rücken gekrümmt. Er versucht zu erbrechen, aber der Ausgang ist versperrt: nur Schaum kommt. Dasselbe beim Versuch, Kot abzusetzen, nichts geht. Harter Bauch, aber der kommt oft erst später. Wenn du auch nur einen Verdacht hast: fahr!
Trau deinem Gefühl. Warte nicht ab, ob es besser wird. Es gibt kein Morgen, kein Abwarten. Nur jetzt. Sofort. Und lass dich nicht abwimmeln. Nicht vom Tierarzt, nicht von der Uhrzeit, nicht von “kommt morgen wieder”. Besteh auf einer Untersuchung. Lieber einmal umsonst Alarm schlagen. Ja, so ein nächtliches Röntgenbild ist teuer. Das sind wir ihnen schuldig.
Magendrehung ist ein Bug der Evolution, der fast alle vierbeinigen Säuger treffen kann, Hunde, Katzen, Pferde, sogar Meerschweinchen. Auch Eurasier.
Warum es genau auftritt, weiß man nicht. Oft hört man, dass Hunde nach dem Fressen nicht toben sollen, um eine Magendrehung zu verhindern. So einfach ist es nicht: Die meisten Fälle passieren nachts, da toben die Hunde eher weniger.
Was tatsächlich helfen kann: abends nur kleine Portionen füttern. Nicht als Vorbeugung, aber weniger Mageninhalt verlangsamt die Aufgasung im Ernstfall.
Eurasier gehören nicht zu den Risikorassen. Die mit tiefem Brustkorb sind häufiger betroffen, vielleicht weil da der Magen mehr Platz hat zum Schlenkern.
Genetische Veranlagung spielt auch eine Rolle: Nachkommen von betroffenen Hunden haben ein höheres Risiko. Daher dürfen betroffene Hunde bei uns nicht in der Zucht verbleiben. In der Natur regelt das die Evolution auf grausamere Art, denn da überleben es die Tiere schlicht nicht.

Meine Mädels dürfen bei uns im Schlafzimmer schlafen. Ich weiß, dass das nicht jeder so hält, und das ist keine Kritik. Aber beide konnten mir deshalb Bescheid sagen, dass etwas nicht in Ordnung war. So konnten wir direkt reagieren.

Birka habe ich vor anderthalb Jahren verloren. Sie war damals 13, aber das Alter allein ist kein Grund, auf eine OP zu verzichten. Es hängt davon ab, wie schnell man reagiert und in welcher körperlichen Verfassung der Hund ist. Die OP lief gut, die ersten 3 kritischen Tage auch. Am 4. Tag hat sie abgebaut. Am 5. war sie tot. Ohne OP hätten wir diese Tage nicht gehabt, sie wäre in der Nacht qualvoll gestorben. Es hat nicht gereicht. Dennoch war es das allemal wert. Die schlimmsten Schmerzen blieben ihr erspart und sie war nicht allein. In der letzten Nacht habe ich auf der Erde neben ihr geschlafen und habe ihre Pfote gehalten.

Bei Eléva vorgestern Nacht war es nicht der knallharte Bauch und der gekrümmte Rücken, der mich alarmierte. Nur Unruhe, die ich nicht einordnen konnte. Eléva legte ihren Kopf schwer in meine Arme und sah mich an, so viel Vertrauen in diesem Blick, dass ich ihr helfen würde, dass alles gut wird. Ich weiß es nicht. Dass sie ihr Futter erbrach, war eigentlich ein Gegenindiz. Ich dachte mir: Mira, du siehst Gespenster. Aber dann das leere Würgen. Jetzt war mir alles klar. Sofort raus aus dem Bett und ins Auto.

Vom Auto aus habe ich die Klinik angerufen, um zu klären, ob sie Kapazitäten haben, und damit sie alles vorbereiten konnten. Bei Birka damals mussten wir mehrere Kliniken abtelephonieren. Während ich fuhr, rief meine Frau die Kliniken an. Die erste war nachts schlicht geschlossen. Die zweite hatte auf dem Anrufbeantworter mitgeteilt, dass wir mit langen Wartezeiten rechnen müssten oder weitergeleitet würden. Bei einer Magendrehung hätten sie das vielleicht nicht gemacht, aber das Risiko wollten wir nicht eingehen. Beim dritten Versuch hatten wir Erfolg.
Speicher die Nummer der nächsten Tierklinik mit Notdienst ein. Jetzt. Das spart dir im Notfall wertvolle Zeit.
In der Klinik kam Eléva direkt in den OP. Magen gedreht, sofort festgenäht. Das Annähen des Magens an der Bauchwand (die sogenannte Gastropexie) ist heute Standard und soll verhindern, dass er sich erneut dreht. Eine hundertprozentige Garantie ist es nicht, aber es senkt das Risiko erheblich. Ich blieb dort bis nach der OP. Nach der Frage, ob sie im Zweifel reanimieren sollen, konnte ich sie einfach nicht alleine lassen. Eine Stunde später stand der Doc vor mir: Magen und Milz ohne Schäden, kein abgestorbenes Gewebe. Jetzt erst heulte ich Rotz und Wasser. Eléva ist 4 und in guter körperlicher Verfassung, die Prognosen sind gut. Nach Birka weiß ich, dass das keine Garantie ist. Ich atme trotzdem noch nicht auf.
Die OP rettet das Leben, aber sie heilt nicht alles auf einmal. Solange der Magen gedreht war, wurde das Gewebe darin nicht mehr durchblutet, kein Sauerstoff. Beim Zurückdrehen kommt der Blutfluss schlagartig zurück und schwemmt saure Stoffwechselprodukte, freie Radikale und Entzündungsstoffe aus dem geschädigten Gewebe in den Kreislauf. Die Mediziner nennen das Reperfusionsschaden. Aus der gestressten Darmwand können zusätzlich Bakteriengifte ins Blut übertreten. Wenn Teile von Magenwand oder Milz abgestorben sind, kommen weitere Giftstoffe dazu. Das alles bringt den Elektrolythaushalt durcheinander, und das Herz reagiert empfindlich darauf: Herzrhythmusstörungen sind die häufigste Spätfolge, oft erst 24 bis 72 Stunden nach der OP. Im schlimmsten Fall versagen Kreislauf oder mehrere Organe. Genau deshalb sind die ersten Tage so heikel, auch wenn die OP selbst geglückt ist. Birka starb am 5. Tag.
Beide Magendrehungen haben uns jeweils mehrere tausend Euro gekostet. Ich bin froh, dass wir von Anfang an etwas zur Seite gelegt haben. Eine OP-Versicherung wollten wir eigentlich letztes Jahr noch abschließen. Wäre wohl gut gewesen. Das gehen wir als nächstes an.
Ich weiß, dass nicht jeder diese Rücklage hat. Wenn es wirklich nicht anders geht: frag im Freundes- und Familienkreis, beim Arbeitgeber, leih dir das Geld und stottere es ab. Gib nicht auf, bevor du es versucht hast. Übrigens: Die Klinik hat mir auch Ratenzahlung angeboten. Es lohnt sich, danach zu fragen.
Besser Bescheid wissen und es nie brauchen, als dass es dich erwischt und du nicht weißt, was du vor dir hast. Ich kenne Hunde, die nach einer Magendrehung noch viele gesunde Jahre vor sich hatten. Kira hatte mit 3 Jahren eine Magendrehung und wurde stolze 17 Jahre alt. Es lohnt sich zu kämpfen. Immer.
Inzwischen ist Eléva zu Hause, die zweite Nacht ist geschafft. Wir sind noch nicht überm Berg. Durch den Stress und die freigesetzten Giftstoffe kann der Körper in den ersten Tagen noch zusammenbrechen: Herzrhythmusstörungen, Kreislaufversagen. Das wissen wir. Aber sie liegt neben mir. Und ich höre sie atmen.

Ein Monat später: Eléva geht es gut. Sie spielt und kaspert wieder und teilt den Nachbarn an der Grundstücksgrenze die korrekte Verhaltensweise mit. Was bleibt: der Schreck, die Dankbarkeit, dass es diesmal glimpflich ausgegangen ist, und eine ziemlich teure Hundefrisur, die obendrein ziemlich beknackt aussieht (rasierte Ringe von 5 cm an beiden Vorderläufen, dazu der ganze Bauch).
Den Tierärzten und der Klinik bin ich dankbar. Sie haben einen guten Job gemacht. Auch bei Birka damals; dass es nicht gereicht hat, lag nicht in deren Macht. Eine OP-Versicherung haben wir inzwischen abgeschlossen.